Neues Jahr, neue Normalität – und natürlich KI.
Liebe Leserinnen und Leser,
die ersten Tage eines neuen Jahres haben etwas Merkwürdiges. Der Kalender füllt sich wieder zuverlässig mit Terminen, Meetings und Deadlines – und doch gibt es manchmal diesen kurzen Moment, in dem man ernsthaft glaubt, Dinge ändern zu können. Neue Routinen. Bessere Gewohnheiten. Vielleicht sogar ein bewussterer Umgang mit der eigenen Gesundheit. Zwischen guten Vorsätzen und den ersten Pflichtterminen frage ich mich jedes Jahr: Was nehme ich wirklich mit ins neue Jahr – und was lasse ich besser dort, wo es hingehört: im letzten?
Mit genau dieser Mischung aus Neugier und gesunder Skepsis habe ich mir die Digital-Health-Neuheiten der CES 2026 angeschaut. Man will ja offen bleiben für Neues – fragt sich aber gleichzeitig, was davon wohl bis Ostern noch relevant ist, und was schon vorher still von der eigenen App-Übersicht verschwindet.
Die gute Nachricht zuerst: Digital Health wirkt 2026 deutlich erwachsener als noch vor wenigen Jahren. Wearables, Diagnostiklösungen und Gesundheitsplattformen sind leiser geworden. Und genau das ist ihr größter Fortschritt. Apple, Samsung und Google verzichteten weitgehend auf große Gesundheits-Paukenschläge und setzten stattdessen auf inkrementelle Verbesserungen: präzisere Schlafanalysen, stabileres Stress-Tracking, bessere Integration in bestehende Plattformen. Unspektakulär? Ja. Aber vermutlich genau das, was Gesundheit braucht. Sie wird nicht mehr revolutionär neu erfunden – sondern still und kontinuierlich verbessert.
Spannend war einmal mehr der Blick auf die spezialisierten Anbieter. Oura zeigte eine neue Ring-Generation mit stärkerem Fokus auf metabolische Gesundheit und Langzeittrends. Garmin rückte Herz-Kreislauf-Monitoring und Belastungssteuerung näher an medizinische Fragestellungen heran. Der Markt bewegt sich sichtbar weg vom täglichen Zahlenfetisch hin zu längeren Zeiträumen und sinnvolleren Vergleichswerten und Analysen.
Das ist eine große Chance, gerade für Prävention. Gleichzeitig wächst aber auch das Risiko der stillen Überforderung. Denn je mehr kontinuierlich gemessen wird, desto größer wird der Erklärungsbedarf. Daten ohne Einordnung helfen wenig, egal wie elegant sie visualisiert sind.
Ein weiterer Schwerpunkt der CES 2026 lag erneut auf Home Diagnostics. Anbieter wie Vivoo präsentierten weiterentwickelte Tests, die mehrere Biomarker kombinieren und ihre Ergebnisse – natürlich – mit KI-gestützten Empfehlungen anreichern. Dazu kamen neue Blutanalyse-Konzepte für den Heimgebrauch, irgendwo zwischen Lifestyle-Optimierung und medizinischem Anspruch. Die Grenze wird schmaler – und damit aber auch die Verantwortung der Hersteller größer.
Besonders interessant sind Lösungen wie der weiterentwickelte Gesundheitsspiegel „Omnia“ von Withings. Gesundheit bekommt hier buchstäblich einen Platz im Raum – nicht mehr als App unter vielen, sondern als täglicher Bezugspunkt an einem Ort, der aus der täglichen Routine nicht wegzudenken ist. Strategisch klug gedacht. Gleichzeitig bleibt die unbequeme Frage: Erreichen solche integrierten Health-Hubs wirklich die breite Bevölkerung – oder vor allem ein wohlmeinendes, wohlhabendes technikaffines Publikum?
Und dann ist da natürlich noch die Künstliche Intelligenz.
Kaum ein Produkt, kaum eine Plattform auf der CES 2026 kam ohne sie aus. KI analysiert, prognostiziert, priorisiert, beruhigt – und manchmal scheint es auch einfach nur Marketing zu sein. Ob Wearable, Heimtest oder Health-Dashboard: Überall steckt KI drin, oft so selbstverständlich, dass man fast vergisst zu fragen, was sie eigentlich besser macht.
Die viel beschworene KI-Blase war jedenfalls nicht zu übersehen. Während einige Anbieter ernsthaft an erklärbaren, medizinisch belastbaren Modellen arbeiten – etwa auf Basis von Plattformen wie NVIDIA Clara – begnügen sich andere mit wohlklingenden Versprechen und wenig Transparenz. KI ist 2026 Pflicht, kein Differenzierungsmerkmal mehr. Wirklich beeindrucken lässt sich damit langsam kaum noch jemand.
Vielleicht ist genau das das eigentliche Signal dieser CES. Die Branche scheint zu spüren, dass der KI-Zauber nicht ewig trägt. Je näher digitale Lösungen an medizinische Entscheidungen rücken, desto weniger reicht ein „KI inside“-Sticker. Erklärbarkeit, Haftung und Verantwortung rücken nach vorne – ganz ohne Buzzword.
Die CES 2026 zeigt eine Digital-Health-Welt, die angekommen ist und sich nun bewähren muss. Die Chancen liegen klar in vernetzter Prävention, kontinuierlicher Begleitung und neuen Versorgungsmodellen. Die Risiken ebenso klar in Überforderung, Intransparenz und einer KI-Euphorie, die mehr verspricht, als sie halten kann. Vielleicht passt das ganz gut zum Januar. Weniger Vorsätze, mehr Realismus. Weniger „smart“, mehr sinnvoll.
Mein Wunsch für das neue Jahr: Dass wir im Digital-Health-Bereich nicht nur immer mehr messen, sondern besser verstehen wollen und werden. Dass Technologie kein Selbstzweck ist, sondern echten Mehrwert im (Versorgungs-)Alltag schafft. Und dass sich jene Lösungen durchsetzen, die bleiben dürfen, weil sie funktionieren – nicht, weil sie auf der CES besonders laut waren.
Und wenn Sie jetzt beim Lesen das Gefühl haben, einmal kritisch durch Ihre eigenen Gesundheits-Apps zu gehen und zu überlegen, welche davon wirklich bleiben dürfen – dann geht es Ihnen wie mir.
Bis zum nächsten Mal – und mit den besten Wünschen für ein gesundes neues Jahr 2026.
Ihr Torsten Christann
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Torsten Christann
Managing Partner










































