Wenn Warten weh tut – Digitale Überbrückungslösungen

Schön, dass wir uns heute wieder gemeinsam über meine Digital Health Notizen beugen können – haben Sie auch schon so ungeduldig darauf gewartet?

Warten per se ist ja nicht so meins. Natürlich hänge auch ich ab und an meinen Gedanken nach, aber doch nicht während ich warte. Warten ist bei mir etwas sehr Aktives: Ich habe ganz aktiv Stress vor schwierigen oder potenziell negativen Terminen. Ich beschäftige mich ganz aktiv auch noch Tage nach jedem Online-Kauf mit dem erstandenen Objekt der Begierde, so lange, bis es mir von einem Paketboten, den ich zuvor auf einer Straßenkarte Meter für Meter verfolgt habe, in die ungeduldig zitternden Arme gelegt wird. Ich grüble und recherchiere ganz aktiv zu jedem Wehwehchen, von der ersten Google-Suche bis zum Arzttermin. Die Zeit zwischen dem angespannten „Jetzt“ und diesem – positiven oder negativen – „Ziel in der Zukunft„, die will prall gefüllt sein. Sei das Dr. Google, der mir schon vor meinem Routine-Check-Up mein körperliches Alter verrät. Seien das Amazon-Rezensionen, die mich noch vor Eintreffen meines neuen Smartphones wieder und wieder bestärken, die richtige Kaufentscheidung getroffen zu haben. Sei es ChatGPT, das mir vor einem ernsten Gespräch noch ein paar weitere Argumente mit an die Hand gibt. „Vorfreude ist die schönste Freude“? Ein für mich unfassbarer Unsinn.

Und jetzt stellen Sie sich vor, wie unerträglich das Warten ist, wenn es nicht um solche Banalitäten geht. Wenn Sie nicht auf das Eintreffen eines Impulskaufes warten. Wenn es nicht um einen Routine-Check-Up geht. Stellen Sie sich vor, Sie fühlen sich leer, hoffnungs- und antriebslos, suchen jeden Tag nach einem Grund aufzustehen, finden aber keinen. Sagen wir also: Sie kämpfen mit einem echten Problem geistiger Gesundheit, oder neudeutsch: Mental Health. Sicher: Anlaufstellen für den Notfall gibt es – von telefonischen und Online-Angeboten bis zu Notfallambulanzen. Doch danach beginnt – nicht nur hierzulande – in der Regel ein langes Warten.

Bundesweit warten Patient:innen auf einen Psychotherapie-Platz im Durchschnitt etwa 140 Tage. In besonders gut versorgten Ballungszentren wie München auch mal kürzer, um die 80 Tage. Das klingt auch ohne großes Hin- und Her-Rechnen erst einmal „lang“ – doch machen wir uns bewusst: 140 Tage, bzw. 20 Wochen, bzw. 5 Monate warten Patient:innen im Schnitt auf einen Therapieplatz. Und: Mental Health Erkrankungen sind kein Randphänomen – weder in Deutschland, noch in der EU, noch weltweit. In Deutschland waren laut OECD bereits 2019 rund 18% der Deutschen von psychischen Erkrankungen betroffen. Wohlgemerkt: Vor Corona und der damit einhergehenden weiteren Verschlechterung in diesem Bereich.

„Ein wichtiges Thema“, mögen Sie vielleicht sagen, „aber wieso ist das relevant für die ‚Digital Health Notizen‘?“. Mir liegt dieses Thema aus drei Gründen am Herzen. Zum Einen: Schlichtweg, weil es ein wichtiges und relevantes Thema ist, über das man sprechen sollte und muss – unabhängig ob „Digital“ Health oder nicht. Zum Zweiten, weil sich zeigt, dass digitale Angebote im Bereich der Mental Health offenbar von ganz besonderem Nutzen sein können. Und zum Dritten, weil ich – wie so oft an dieser Stelle – einen Appell zu mehr Pragmatismus mitgebracht habe.

Betrachten wir beispielsweise das DiGA-Verzeichnis des BfArM, also das Verzeichnis der „Digitalen Gesundheitsanwendungen“, die gesetzlich versicherte Patient:innen bei einer entsprechenden Diagnose auf Rezept verordnet und erstattet werden können. Das DiGA-Verzeichnis umfasst derzeit 57 solche Anwendungen,  22 davon sind „vorläufig“ gelistet, 35 „dauerhaft“ – soll heißen: In einer klinischen Studie wurde ein positiver medizinischer Versorgungseffekt nachgewiesen. Diese 57 Anwendungen gliedern sich in 12 Kategorien – von A wie Atemwege bis zu V wie Verdauung. In die Kategorie „Psyche“ fallen von 57 DiGAs: 27, also 47% oder eben Knapp die Hälfte. Und 18 davon, also genau zwei Drittel, sind bereits dauerhaft gelistet. Was sagen uns diese Zahlenspiele also? Zum einen ganz profan: Psychische Erkrankungen haben offenbar genug Relevanz, dass sich eine Vielzahl von DiGA-Herstellern damit befasst und darin eine Gelegenheit sieht, Geld zu verdienen. Zum anderen aber auch: Es ist für zwei Drittel dieser Anwendungen bereits klinisch erwiesen, dass Sie auch tatsächlich bei der Behandlung psychischer Probleme unterstützen können, von der Hilfe bei der Rauchentwöhnung, der Behandlung von Panik-Attacken und Depressionen, bis zu Ess-, Angst-, und Schlafstörungen.

Wenn man sich den aktuellen DiGA-Report zu Gemüte führt, stellt man erfreut fest: Insbesondere Apps aus der Kategorie „Psyche“ werden bereits häufig verschrieben: Jedes dritte eingelöste DiGA-Rezept fiel bisher in diese Kategorie. Aber: In absoluten Zahlen waren das von September 2020 bis September 2023 gerade einmal 121.000 eingelöste Rezepte für eine DiGA aus dem Bereich „Psyche“. Zur Erinnerung: Fast jede:r fünfte Deutsche hat laut OECD eine psychische Erkrankung. Und – wie auch in vielen anderen Ländern – der Zugang zu Hilfe ist zwar grundsätzlich vorhanden, Patient:innen müssen aber oft lange Wartezeiten überbrücken, in denen die ein oder andere DiGA vielleicht schon helfen könnte. Daher meine Bitte: Denken wir auch hier pragmatisch – natürlich ersetzt eine App keinen persönlichen Therapeuten. Doch für die Überbrückung dieser endlosen Wartezeiten haben wir mit DiGAs in vielen Fällen zumindest oft schon ein – klinisch geprüftes – nächstbestes Mittel der Wahl. Sorgen wir gemeinsam für die nötige Aufmerksamkeit, damit solche Möglichkeiten auch genutzt werden.

Ich warte jetzt halbwegs ungeduldig auf die Eingebung für das nächste Thema meiner Digital Health Notizen – und wir sehen uns an dieser Stelle in vier Wochen wieder, wenn Sie mögen.

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