Vom Produktanbieter zum Partner integrierter Versorgung

Von Dr. Sigrid Bender und Torsten Christann (beide bei Digital Oxygen)

Teaser

Digitale Gesundheitslösungen entwickeln sich zunehmend zu einem integralen Bestandteil moderner Versorgungssysteme. Anwendungen wie digitale Therapeutika, KI-gestützte Diagnostik oder Remote Monitoring erweitern klassische Therapiekonzepte und verändern damit auch die Rolle pharmazeutischer Unternehmen. Für die Pharmakommunikation bedeutet dies eine stärkere Ausrichtung auf evidenzbasierte Argumentation, Versorgungseffekte und systemische Mehrwerte.


Digitale Anwendungen erweitern das Therapiekonzept

Konzepte wie „Beyond the Pill“ oder „Around the Pill“ sind in der Pharmaindustrie seit vielen Jahren etabliert. Ziel dieser Strategien ist es, Arzneimitteltherapien durch zusätzliche Services zu unterstützen, etwa durch Patientenprogramme oder Adhärenzangebote.

Digitale Gesundheitsanwendungen führen diesen Ansatz jedoch in eine neue Phase. Lösungen wie digitale Therapeutika, KI-gestützte Diagnostik oder kontinuierliches Patientenmonitoring werden zunehmend als eigenständige Versorgungsbestandteile betrachtet. Zu den wichtigsten Anwendungsfeldern zählen unter anderem Remote Monitoring, digitale Rehabilitation, KI-gestützte Bilddiagnostik oder digitale Therapieprogramme, etwa im Bereich mentaler Gesundheit.

Damit verschiebt sich auch die Perspektive der Pharmakommunikation. Neben der Darstellung pharmakologischer Wirksamkeit rücken zunehmend integrierte Versorgungskonzepte in den Fokus, in denen Arzneimittel, digitale Anwendungen und datenbasierte Erkenntnisse miteinander kombiniert werden.

 

Outcome und Evidenz als zentrale Bewertungsmaßstäbe

Mit der zunehmenden Integration digitaler Lösungen in Gesundheitssysteme steigen auch die Anforderungen an Evidenz und Outcome-Nachweise. Für Kostenträger, regulatorische Institutionen und Leistungserbringer stellt sich zunehmend die Frage, welche konkreten Versorgungseffekte digitale Technologien tatsächlich erzielen.

Viele Gesundheitssysteme verfolgen daher einen klaren Ansatz: Innovation soll nur dann finanziert werden, wenn ein nachweisbarer Nutzen für Patientinnen und Patienten entsteht. Entsprechend gewinnt die Verbindung von Outcome-Messung und Vergütungsmodellen an Bedeutung.

Die Bewertung digitaler Technologien steht dabei vor mehreren Herausforderungen. Entwickler streben häufig eine möglichst schnelle Einführung neuer Lösungen an, während Versorgungssysteme robuste Evidenz und längere Beobachtungszeiträume verlangen. Dieses Spannungsfeld zwischen Innovationsgeschwindigkeit und evidenzbasierter Bewertung prägt derzeit viele Diskussionen im Digital-Health-Bereich.

Hinzu kommt, dass patientenzentrierte Outcome-Parameter häufig schwer messbar sind. In der Praxis werden daher teilweise zunächst Prozessindikatoren oder Proxy-Messgrößen verwendet, während langfristige Effekte erst im Versorgungsalltag sichtbar werden.


Pull-Quote

„Digitale Innovation wird im Gesundheitsmarkt zunehmend daran gemessen, ob sie nachweisbare Versorgungseffekte erzielt.“


Real-World-Daten als neue Evidenzquelle

Digitale Anwendungen ermöglichen eine kontinuierliche Datenerhebung im Versorgungsalltag. Real-World-Daten können daher wichtige Einblicke in Therapieadhärenz, Nutzungsmuster oder patientenberichtete Outcomes liefern.

Diese Daten gewinnen sowohl für die Versorgung als auch für Forschung und Entwicklung an Bedeutung. Gleichzeitig entstehen neue methodische Herausforderungen. Eine zentrale Frage besteht darin, inwieweit Ergebnisse aus Studien auf reale Versorgungssituationen übertragbar sind.

Für die Pharmakommunikation bedeutet dies eine stärkere Orientierung an evidenzbasierter Argumentation. Der Fokus verschiebt sich zunehmend von Produktmerkmalen hin zu nachweisbaren Versorgungseffekten.

 


Veränderungen in der Interaktion mit Akteursgruppen

Digitale Gesundheitslösungen verändern auch die Beziehung zwischen Pharmaunternehmen und den verschiedenen Akteuren im Gesundheitssystem.

Ärztinnen und Ärzte nutzen zunehmend digitale Unterstützungssysteme, etwa zur klinischen Entscheidungsunterstützung oder zur Dokumentation medizinischer Informationen. Anwendungen wie KI-gestützte Dokumentationssysteme können beispielsweise administrative Aufgaben reduzieren und klinische Prozesse effizienter gestalten.

Auch Patientinnen und Patienten greifen immer häufiger auf digitale Gesundheitsangebote zurück, insbesondere im Bereich mentaler Gesundheit oder Selbstmanagement chronischer Erkrankungen. Dadurch entstehen neue Kommunikationskanäle entlang des gesamten Therapieprozesses.

Für die Pharmakommunikation bedeutet dies eine Verschiebung von punktueller Produktinformation hin zu kontinuierlicher, dialogorientierter Interaktion.

Neue Partnerschaften im Digital-Health-Ökosystem

Die Entwicklung digitaler Gesundheitslösungen erfordert häufig Kompetenzen außerhalb traditioneller Pharmastrukturen. Kooperationen mit Technologieunternehmen, Plattformanbietern oder spezialisierten Digital-Health-Start-ups gewinnen daher an Bedeutung.

Solche Partnerschaften ermöglichen den Zugang zu Datenanalyse-Kompetenzen, KI-basierten Technologien oder digitalen Plattformen. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass digitale Innovation nur dann erfolgreich implementiert werden kann, wenn auch Versorgungsprozesse entsprechend angepasst werden.

Digitale Technologien entfalten ihre Wirkung somit nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit bestehenden klinischen Strukturen.


Evidenzbasierte Kommunikation digitaler Angebote

Die Kommunikation des Mehrwerts digitaler Gesundheitslösungen unterscheidet sich zunehmend von klassischer Produktkommunikation. Während früher häufig technische Funktionen im Mittelpunkt standen, gewinnt heute der nachweisbare Beitrag zur Versorgung an Bedeutung.

Insbesondere im Kontext erstattungsfähiger digitaler Anwendungen spielen vergleichende Studiendesigns eine zentrale Rolle. Randomisierte kontrollierte Studien gelten häufig als entscheidender Nachweis für positive Versorgungseffekte.

Real-World-Daten können diese Evidenz ergänzen, indem sie zeigen, wie digitale Anwendungen im Versorgungsalltag genutzt werden und welche Effekte unter realen Bedingungen auftreten. Gleichzeitig erfordern solche Daten eine transparente Darstellung von Methodik und Limitationen.


Fazit

Digitale Gesundheitslösungen entwickeln sich zunehmend zu einem wichtigen Bestandteil moderner Versorgungssysteme. Anwendungen wie digitale Therapeutika, Remote Monitoring oder KI-gestützte Diagnostik erweitern klassische Therapiekonzepte und eröffnen neue Möglichkeiten zur Verbesserung von Behandlungsergebnissen.

Damit verändern sich auch die Anforderungen an Pharmakommunikation. Neben der Darstellung pharmakologischer Wirksamkeit rücken zunehmend Fragen nach Versorgungsnutzen, Evidenz und Outcome-Verbesserung in den Mittelpunkt.

Eine evidenzbasierte, systemorientierte Kommunikation wird damit zu einem zentralen Erfolgsfaktor für die Integration digitaler Innovationen in das Gesundheitssystem.


Quellen:

  • IQVIA Institute for Human Data Science: Stakeholder Strategies to Capitalize on Digital Health Innovation.
  • Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) – Fast-Track Verfahren und Evidenzanforderungen.
    https://www.bfarm.de
  • Busse R. et al. (2022/2025)Digital Health Applications (DiGA) in Germany – Evidence Requirements and Market Development. BMC Health Service Research; Volume23, articlenumber369, (2023)
  • International Journal of Technology Assessment in Health CareEvidence generation for reimbursement of digital health applications in Germany.Cambridge University Press:  23 December 2022
  • SAGE Health Policy / Diabetes Technology & TherapeuticsThe German Fast-Track Toward Reimbursement of Digital Health Applications. Journal of Diabetes Science and Technology 2024, Vol. 18(2) 470–476
  • Digital Healthcare Act (DVG) / Digital-Gesetz (DigiG)
  • GKV-Spitzenverband (2025)Bericht über die Inanspruchnahme und Entwicklung der Versorgung mit Digitalen Gesundheitsanwendungen.

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